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Testosteronmangel oder Depression? Warum Fehldiagnosen häufig sind

Die Symptome überlappen stark — und führen oft zur falschen Diagnose. Wann Sie Ihren Hormonspiegel überprüfen lassen sollten.

Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Schlafprobleme, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten — diese Symptome werden in der hausärztlichen und psychiatrischen Praxis routinemässig als Depression diagnostiziert. In den meisten Fällen ist diese Diagnose korrekt. Doch bei einer relevanten Untergruppe von Männern — insbesondere ab 35 Jahren — verbirgt sich hinter der scheinbaren Depression ein undiagnostizierter Testosteronmangel. Die Folge: Antidepressiva, die nicht richtig wirken, jahrelange Therapieversuche ohne nachhaltigen Erfolg und wachsende Frustration auf beiden Seiten.

Dieser Artikel beleuchtet, warum die Symptome beider Erkrankungen so frappierend ähnlich sind, wie eine Differentialdiagnose gelingt und wann ein Hormonstatus bestimmt werden sollte.

Die symptomatische Überlappung

Was die Abgrenzung so schwierig macht: Testosteronmangel und Depression teilen sich nicht nur einige wenige Symptome — die Überlappung ist massiv. In einer klinischen Erhebung konnte anhand der Symptome allein keine zuverlässige Unterscheidung getroffen werden.

SymptomMajor DepressionTestosteronmangelBeide
Antriebslosigkeit
Schlafstörungen
Reizbarkeit / Stimmungsschwankungen
Konzentrationsprobleme / Brain Fog
Verminderte Libido
Gewichtszunahme
AppetitveränderungenSelten
SuizidgedankenSelten
ErektionsstörungenMöglich
MuskelverlustSelten
Hitzewallungen / SchweissausbrücheSelten
Verminderte GesichtsbehaarungNein

Warum dieses Muster entsteht

Testosteron und das monoaminerge System (Serotonin, Dopamin, Noradrenalin) — das zentrale Zielsystem der meisten Antidepressiva — stehen in direkter Wechselwirkung:

  • Testosteron beeinflusst die Serotonin-Rezeptordichte und die Dopamin-Freisetzung im mesolimbischen System
  • Niedrige Testosteronspiegel wurden mit einer reduzierten Serotonin-Transporter-Bindung in Verbindung gebracht
  • Die Amygdala, das emotionale Zentrum des Gehirns, exprimiert Androgenrezeptoren — Testosteron moduliert direkt die emotionale Reaktivität

Das bedeutet: Testosteronmangel kann über neurochemische Wege genau die gleichen pathophysiologischen Veränderungen verursachen, die auch einer klinischen Depression zugrunde liegen.

Die Zahlen: Wie häufig wird falsch diagnostiziert?

Belastbare Zahlen zur Fehldiagnoserate existieren aufgrund der Natur des Problems nur begrenzt — wenn die Fehldiagnose nicht erkannt wird, wird sie auch nicht gezählt. Dennoch gibt es aufschlussreiche Daten:

  • Westley et al. (2015): In einer Studie an über 200 Männern mit diagnostizierter Depression hatten knapp 30 % gleichzeitig einen nachweisbaren Testosteronmangel, der zuvor nicht untersucht worden war
  • Zarrouf et al. (2009): Meta-Analyse in Journal of Clinical Psychiatry — Testosteronsubstitution verbesserte depressive Symptome signifikant, insbesondere bei Männern mit nachgewiesenem Hypogonadismus
  • Amanatkar et al. (2014): Bei Männern über 50 mit therapieresistenter Depression wurde in fast der Hälfte der Fälle ein bisher unbekannter Testosteronmangel festgestellt

Eine Studie allein beweist keinen kausalen Zusammenhang. Aber das Muster ist klar: Testosteronmangel als Ursache depressiver Symptome wird systematisch unterschätzt.

Wann Sie hellhörig werden sollten

Es gibt bestimmte klinische Konstellationen, bei denen die Wahrscheinlichkeit eines zugrunde liegenden Testosteronmangels besonders hoch ist. Die folgenden „Red Flags" sollten eine hormonelle Abklärung veranlassen:

1. Antidepressiva wirken nicht oder nur teilweise

Sie haben ein oder zwei Antidepressiva in adäquater Dosierung über ausreichende Zeit eingenommen, und die Wirkung ist unbefriedigend. Therapieresistenz bei Depression sollte immer auch eine Reevaluation der Diagnose selbst beinhalten — und dazu gehört ein Hormonstatus.

2. Zusätzliche körperliche Symptome

Eine klassische Depression betrifft primär die Psyche. Wenn zusätzlich körperliche Symptome auftreten, die nicht typisch für eine Depression sind, sollte man an Testosteron denken:

  • Muskelverlust trotz Training
  • Erektionsstörungen
  • Deutliche Zunahme von Bauchfett
  • Hitzewallungen
  • Verminderte Körper- oder Gesichtsbehaarung

3. Alter und Risikoprofil

Männer über 35, insbesondere mit folgenden Risikofaktoren:

  • Übergewicht (BMI > 30)
  • Diabetes mellitus Typ 2
  • Metabolisches Syndrom
  • Langzeiteinnahme von Opioiden
  • Vorgeschichte von Hodenproblemen

4. Schleichender Beginn über Monate/Jahre

Eine Major Depression hat typischerweise einen relativ abgrenzbaren Beginn — sie tritt in Episoden auf. Ein Testosteronmangel dagegen entwickelt sich schleichend über Monate bis Jahre. Wenn ein Patient sagt: „Ich weiss gar nicht genau, wann es angefangen hat, aber ich fühle mich seit Jahren nicht mehr richtig" — ist das ein klassisches Muster für einen hormonellen statt psychiatrischen Prozess.

5. Positive Familienanamnese für frühen Hypogonadismus

Wurde beim Vater oder bei Brüdern bereits ein Testosteronmangel diagnostiziert, ist die genetische Prädisposition ein weiterer Hinweis.

Die Differentialdiagnose: Wie die Abklärung aussieht

Eine korrekte Abklärung umfasst drei Schritte:

Schritt 1: Strukturiertes klinisches Interview

Neben dem standardmässigen psychiatrischen Assessment (PHQ-9 oder BDI-II für Depression) sollte gezielt nach Symptomen gefragt werden, die spezifischer für Testosteronmangel sind:

  • Veränderung der Erektionen (morgendliche Erektionen?)
  • Veränderung der Libido (Vergleich zu vor 5 Jahren)
  • Körperliche Leistungsfähigkeit und Muskelmasse
  • Hitzewallungen oder verstärktes Schwitzen

Schritt 2: Labordiagnostik

  • Gesamt-Testosteron (morgens, 7–11 Uhr, nüchtern)
  • Freies Testosteron (berechnet oder gemessen)
  • SHBG (um die Interpretation des Gesamt-T zu ermöglichen)
  • LH, FSH (um die Art des Hypogonadismus zu klären)
  • Prolaktin (zum Ausschluss eines Hypophysentumors)
  • TSH (Schilddrüse als weitere Differentialdiagnose)
  • Blutbild, Leberwerte (Baseline)

Schritt 3: Interpretation im Gesamtkontext

Erst die Zusammenschau von Symptomatik, Laborwerten und Risikofaktoren ergibt die Diagnose. Es gibt drei mögliche Szenarien:

  1. Testosteronmangel als alleinige Ursache: Klarer Hypogonadismus im Labor + typische Symptome, keine typische Depressions-Episode. → Testosteron-Behandlung als primäre Therapie.

  2. Depression als alleinige Ursache: Normale Testosteronwerte, typische Depressions-Episode mit klarem Beginn. → Psychiatrische Behandlung.

  3. Beides gleichzeitig: Testosteronmangel UND Depression. → Beides behandeln. Eine TRT kann die antidepressive Therapie unterstützen, ersetzt aber keine Psychotherapie oder Pharmakotherapie bei klinisch relevanter Depression.

Was Ärzte tun können — und was Patienten einfordern sollten

Für Ärzte

Die Leitlinien der European Association of Urology (EAU) und der Endocrine Society empfehlen: Bei Männern mit depressiver Symptomatik und Risikofaktoren für Hypogonadismus sollte ein Hormonstatus bestimmt werden. Diese Empfehlung ist evidenzbasiert, wird in der Praxis aber zu selten umgesetzt.

Für Patienten

  • Bitten Sie aktiv um eine Testosteronbestimmung, wenn Sie zu den oben beschriebenen Risikogruppen gehören
  • Dokumentieren Sie Ihre Symptome — insbesondere die körperlichen
  • Holen Sie eine Zweitmeinung ein, wenn Ihre Behandlung über Monate nicht anschlägt
  • Seien Sie offen über Themen wie Libido und Erektionsprobleme — viele Männer verschweigen diese Symptome aus Scham, obwohl sie diagnostisch entscheidend sein können

Was wir bei Swiss TRT tun

Wir sind weder Psychiater noch Psychologen — und ersetzen keine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung. Was wir tun: Wir stellen sicher, dass eine hormonelle Ursache nicht übersehen wird. Viele unserer Patienten berichten, dass sie jahrelange Irrwege hinter sich haben, bevor sie erfahren haben, dass ein behandelbarer Hormonmangel zumindest mitverantwortlich für ihre Symptome war.

Unser Vorgehen:

  • Umfassende Labordiagnostik inklusive Testosteron, freiem Testosteron, SHBG und Begleitwerten
  • Ärztliche Beurteilung der Ergebnisse im Kontext Ihrer Symptome
  • Transparente Kommunikation über Diagnoseergebnis und Therapieoptionen
  • Weiterüberweisung, wenn die Symptomatik auf eine primäre psychische Erkrankung hindeutet

Fazit

Die Grenze zwischen Testosteronmangel und Depression ist keine scharfe Linie — es ist eine breite, unscharfe Zone, in der beide Erkrankungen koexistieren und sich gegenseitig verstärken können. Der entscheidende Schritt ist, die Möglichkeit eines Testosteronmangels überhaupt in Betracht zu ziehen — insbesondere bei Männern ab 35 mit therapieresistenter Depression oder begleitenden körperlichen Symptomen.

Ein einfacher Bluttest kann Klarheit bringen. Und wenn tatsächlich ein Mangel vorliegt, kann die richtige Behandlung nicht nur den Hormonspiegel normalisieren, sondern auch das ansprechen, was als „Depression" fehldiagnostiziert wurde.

Sie haben den Verdacht, dass Ihre Symptome hormonell bedingt sein könnten? Starten Sie unseren kostenlosen Testosteron-Check und erhalten Sie eine ärztliche Einschätzung.

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