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Ab welchem Testosteronwert ist eine Therapie sinnvoll?

Grenzwerte, freies vs. Gesamt-Testosteron und warum ein einzelner Laborwert nicht ausreicht — alles zur Diagnostik verständlich erklärt.

„Ihr Testosteronwert ist 11 nmol/L" — und was jetzt? Für viele Männer beginnt nach dem Laborergebnis die eigentliche Verwirrung. Die Referenzbereiche sind breit, die Interpretation komplex, und verschiedene Ärzte geben unterschiedliche Empfehlungen. In diesem Artikel erklären wir die wichtigsten Laborparameter rund um Testosteron, wann eine Therapie medizinisch indiziert ist und warum die Diagnose immer aus zwei Teilen besteht: Laborwerten und klinischen Symptomen.

Gesamt-Testosteron: Der erste Anhaltspunkt

Der am häufigsten bestimmte Wert ist das Gesamt-Testosteron (Total-Testosteron). Es umfasst drei Fraktionen:

  • SHBG-gebundenes Testosteron (~60–70 %): An das Sexualhormon-bindende Globulin (SHBG) gebunden und biologisch inaktiv
  • Albumin-gebundenes Testosteron (~25–35 %): Lose gebunden, kann leicht freigesetzt werden und gilt als bioverfügbar
  • Freies Testosteron (~1–3 %): Ungebunden und sofort biologisch aktiv

Referenzbereiche

Die genauen Referenzwerte variieren je nach Labor und Messmethode. Die gängigsten Richtlinien verwenden folgende Grenzen:

Klassifikationnmol/Lng/dL
Eindeutiger Mangel< 8< 230
Grauzone8–12230–350
Normalbereich12–35350–1000
Oberer Normalbereich> 25> 720

Beachten Sie: Diese Werte gelten als Orientierung. Was „normal" ist, hängt auch vom Alter, der körperlichen Verfassung und dem individuellen Befinden ab. Ein 30-Jähriger mit einem Wert am unteren Ende des Referenzbereichs kann deutlich symptomatischer sein als ein 65-Jähriger mit dem gleichen Wert.

Warum Gesamt-Testosteron allein nicht ausreicht

Das Gesamt-Testosteron ist ein wichtiger erster Indikator, hat aber erhebliche Limitationen. Der Grund: SHBG-Spiegel variieren stark und beeinflussen, wie viel vom gemessenen Testosteron tatsächlich biologisch aktiv ist.

Was SHBG erhöht (höheres Gesamt-T, aber weniger freies T)

  • Alter — SHBG steigt mit jedem Lebensjahrzehnt
  • Lebererkrankungen (Hepatitis, Leberzirrhose)
  • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)
  • Medikamente: Antiepileptika, bestimmte Antibiotika
  • Extremes Untergewicht

Was SHBG senkt (niedrigeres Gesamt-T, aber möglicherweise normales freies T)

  • Übergewicht/Adipositas
  • Insulinresistenz/Diabetes mellitus Typ 2
  • Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion)
  • Androgene/Anabolika
  • Nephrotisches Syndrom

Das bedeutet in der Praxis

Ein übergewichtiger Patient kann ein Gesamt-Testosteron von 10 nmol/L haben — was auf einen Mangel hindeuten würde. Sein SHBG ist aber durch das Übergewicht ebenfalls niedrig, sodass sein freies Testosteron möglicherweise völlig normal ist. Ohne die Bestimmung des freien Testosterons oder des SHBG könnte er fälschlicherweise eine TRT-Diagnose erhalten.

Umgekehrt kann ein schlanker, älterer Patient ein Gesamt-Testosteron von 14 nmol/L haben — nominell „normal". Sein SHBG ist jedoch altersbedingt erhöht, und sein freies Testosteron liegt unter dem kritischen Wert. Trotz „normalem" Gesamt-T hat er einen klinisch relevanten Mangel.

Freies Testosteron: Die präzisere Messgrösse

Das freie Testosteron ist die biologisch aktive Fraktion und die aussagekräftigere Messgrösse. Leider ist die direkte Messung methodisch anspruchsvoll und fehleranfällig (viele kommerziell erhältliche Assays sind ungenau).

Goldstandard: Equilibrium-Dialyse

Die genaueste Methode ist die Equilibrium-Dialyse, die jedoch aufwendig und teuer ist. In der Praxis wird das freie Testosteron daher meist berechnet — basierend auf Gesamt-Testosteron, SHBG und Albumin. Die Formeln nach Vermeulen oder die Online-Rechner der ISSAM (International Society for the Study of the Aging Male) liefern dabei zuverlässige Ergebnisse.

Referenzbereich freies Testosteron

Klassifikationpmol/Lpg/mL
Mangel< 220< 6.5
Grauzone220–3006.5–9.0
Normalbereich> 300> 9.0

Welche Laborwerte noch bestimmt werden sollten

Testosteron wird nicht isoliert betrachtet. Ein vollständiges Hormonpanel umfasst zusätzlich:

LH und FSH — Die Steuerungshormone

  • Niedrig + niedriges Testosteron → Sekundärer Hypogonadismus (Problem im Gehirn: Hypothalamus oder Hypophyse)
  • Hoch + niedriges Testosteron → Primärer Hypogonadismus (Problem in den Hoden)
  • Diese Unterscheidung ist klinisch entscheidend, da sie die Ursache des Mangels identifiziert

Estradiol (Östrogen)

Das wichtigste Östrogen beim Mann. Wird aus Testosteron über das Enzym Aromatase gebildet. Zu hohe Werte können Symptome verursachen (Gynäkomastie, Wassereinlagerung), zu niedrige Werte sind ebenfalls problematisch (Knochendichte, Libido). Wichtig als Baseline und zur Therapieüberwachung.

Prolaktin

Erhöhtes Prolaktin kann Testosteron unterdrücken und ist ein Hinweis auf einen Hypophysentumor (Prolaktinom). Muss bei sekundärem Hypogonadismus immer bestimmt werden.

Schilddrüsenwerte (TSH, fT3, fT4)

Schilddrüsenstörungen können zahlreiche Symptome eines Testosteronmangels imitieren und sollten als Differentialdiagnose ausgeschlossen werden.

Blutbild, Leberwerte, Lipidprofil

Als Baseline vor einer möglichen Therapie und zur Überwachung unter TRT unverzichtbar.

Die „Grauzone": Werte zwischen 8 und 12 nmol/L

Die meisten Diskussionen und Unsicherheiten entstehen in der Grauzone — Werte, die weder eindeutig pathologisch noch klar normal sind. Hier wird die klinische Symptomatik zum entscheidenden Faktor.

Wann eine Therapie in der Grauzone sinnvoll ist

  • Mehrere typische Symptome sind vorhanden (Erschöpfung, Libidoverlust, kognitive Einbussen)
  • Lebensstilfaktoren wurden bereits optimiert (Schlaf, Ernährung, Bewegung, Gewicht)
  • Freies Testosteron ist ebenfalls im unteren Bereich oder unter der Norm
  • Keine kontraindizierenden Faktoren (unbehandeltes Schlafapnoe-Syndrom, aktiver Prostatakrebs, unkontrollierte Polyglobulie)

Wann ein abwartendes Vorgehen angemessen ist

  • Symptome sind mild oder unspezifisch
  • Lebensstilfaktoren wurden noch nicht adressiert (Adipositas, Schlafmangel, Stress)
  • Freies Testosteron ist normal
  • Patient hat keinen Leidensdruck

Die richtige Blutabnahme: Praktische Hinweise

Die Testosteronmessung ist störanfällig. Falsch durchgeführte Blutabnahmen können zu verfälschten Ergebnissen führen — sowohl falsch hohe als auch falsch niedrige Werte.

Checkliste für eine korrekte Messung

  1. Morgens zwischen 7:00 und 10:00 Uhr — Der Testosteronspiegel folgt einem zirkadianen Rhythmus und ist morgens am höchsten
  2. Nüchtern — Nahrung kann den SHBG-Spiegel und damit das Ergebnis beeinflussen
  3. Kein Sport am Vortag — Intensives Training kann den Wert kurzfristig erhöhen
  4. Kein Alkohol in den 48 Stunden vor der Messung
  5. Normale Nacht — Schlechter Schlaf kann den Wert um bis zu 15 % senken
  6. Medikamente dokumentieren — Opioide, Kortikosteroide und bestimmte Antidepressiva senken den Testosteronspiegel signifikant
  7. Mindestens 2 Messungen an verschiedenen Tagen — Ein einzelner Wert ist nie ausreichend für eine Diagnose

Fazit

Die Frage „Ab welchem Wert brauche ich eine Therapie?" lässt sich nicht mit einer einfachen Zahl beantworten. Testosteron-Diagnostik ist ein Zusammenspiel aus Laborwerten (Gesamt-T, freies T, SHBG, LH, FSH), klinischer Symptomatik und individuellen Faktoren wie Alter, Gewicht und Lebensstil.

Ein verantwortungsvoller Arzt wird nie allein aufgrund eines einzelnen Laborwerts eine TRT empfehlen — und ebenso wenig eine Behandlung verweigern, wenn die Klinik eindeutig ist. Die beste Diagnostik kombiniert moderne Labormedizin mit einer gründlichen ärztlichen Anamnese.

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