TRT und Kinderwunsch: Was Männer wissen müssen
Testosterontherapie und Familienplanung schliessen sich nicht aus — wenn man es richtig macht. Alternativen, HCG-Therapie und Timing im Überblick.
Für Männer, die gleichzeitig an Testosteronmangel leiden und einen Kinderwunsch haben oder in Zukunft haben könnten, stellt sich eine zentrale Frage: Kann ich meinen Testosteronmangel behandeln, ohne meine Fruchtbarkeit zu gefährden? Die Antwort ist differenzierter, als viele denken — und die gute Nachricht zuerst: Es gibt bewährte Strategien, die beides ermöglichen. Dieser Artikel erklärt die Zusammenhänge, stellt die therapeutischen Optionen vor und gibt praktische Empfehlungen für die Familienplanung.
Wie Testosteron und Fruchtbarkeit zusammenhängen
Um zu verstehen, warum exogenes Testosteron die Fruchtbarkeit beeinflussen kann, muss man den hormonellen Regelkreislauf kennen — die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse (HPG-Achse).
Der normale Regelkreis
- Der Hypothalamus im Gehirn setzt GnRH (Gonadotropin-Releasing-Hormon) pulsatil frei
- Die Hypophyse reagiert mit der Ausschüttung von LH (luteinisierendes Hormon) und FSH (follikelstimulierendes Hormon)
- LH stimuliert die Leydig-Zellen in den Hoden zur Testosteronproduktion
- FSH stimuliert die Sertoli-Zellen zur Spermienproduktion (Spermatogenese)
- Steigt das Testosteron, signalisiert es dem Hypothalamus: „Genug produziert" — ein negativer Feedback-Mechanismus bremst die GnRH-Ausschüttung
Was bei exogener Testosteron-Zufuhr passiert
Wenn Testosteron von aussen zugeführt wird (z.B. als Gel oder Injektion), „sieht" der Hypothalamus den erhöhten Testosteronspiegel im Blut und fährt die GnRH-Produktion herunter. Die Folge:
- LH sinkt drastisch → Die Hoden reduzieren die eigene Testosteronproduktion
- FSH sinkt drastisch → Die Spermienproduktion wird reduziert, teilweise bis zur Azoospermie (keine Spermien im Ejakulat)
- Die Hoden können schrumpfen (Hodenatrophie), da sie kaum noch stimuliert werden
Wichtig zu verstehen: Dies ist kein „Nebenwirkung" im eigentlichen Sinne, sondern eine erwartbare physiologische Reaktion. Der Körper stellt die eigene Produktion ein, weil er das Signal bekommt, dass genügend Testosteron vorhanden ist.
Ist die Unfruchtbarkeit unter TRT dauerhaft?
Dies ist eine der häufigsten Ängste — und die Datenlage ist beruhigend. Die Spermatogenese-Unterdrückung unter TRT ist in den allermeisten Fällen reversibel.
Studienlage zur Reversibilität
Mehrere grosse Studien und eine Meta-Analyse von Liu et al. (2006) haben die Erholung der Spermienproduktion nach Absetzen von exogenem Testosteron untersucht:
| Zeitraum nach Absetzen | Erholungsrate |
|---|---|
| 6 Monate | ~67 % der Männer mit normaler Spermienzahl |
| 12 Monate | ~90 % |
| 24 Monate | ~100 % |
Einflussfaktoren auf die Erholungszeit
- Dauer der TRT: Je länger die Therapie, desto länger kann die Erholung dauern (aber sie tritt in der Regel ein)
- Alter: Jüngere Männer erholen sich tendenziell schneller
- Vorbestehende Hodenfunktion: Bei primärem Hypogonadismus kann die Erholung eingeschränkt sein
- Begleitende Substanzen: Der zusätzliche Einsatz von Anabolika oder 19-Nor-Steroiden (z.B. Nandrolon) kann die Erholung deutlich verzögern
Therapieoptionen für Männer mit Kinderwunsch
Es gibt drei grundlegende Strategien, abhängig von der individuellen Situation:
Option 1: HCG-Monotherapie (statt TRT)
Humanes Choriongonadotropin (HCG) ist strukturell dem körpereigenen LH ähnlich und stimuliert die Leydig-Zellen in den Hoden direkt. Der entscheidende Vorteil gegenüber TRT:
- Testosteron steigt (intragonadal und im Blut)
- Die Hoden werden stimuliert, nicht supprimiert
- Die Spermatogenese bleibt erhalten oder verbessert sich sogar
- Kein Hodenschrumpfen
Typische Dosierung: 1'500–3'000 IE subkutan, 2–3× pro Woche.
Einschränkungen: HCG allein liefert in der Regel eine mildere Testosteronerhöhung als eine klassische TRT. Für manche Patienten reicht der Anstieg nicht aus, um die Symptome vollständig zu kontrollieren.
Option 2: Clomifen (SERM-Therapie)
Clomifencitrat ist ein selektiver Östrogenrezeptor-Modulator (SERM), der eigentlich aus der Reproduktionsmedizin bei Frauen bekannt ist. Beim Mann besetzt Clomifen die Östrogenrezeptoren im Hypothalamus und „täuscht" dem Gehirn vor, es sei zu wenig Östrogen (und damit zu wenig Testosteron) vorhanden. Die Folge:
- GnRH-Ausschüttung steigt
- LH und FSH steigen
- Testosteron und Spermienproduktion steigen gleichzeitig
Typische Dosierung: 25–50 mg täglich oder jeden zweiten Tag.
Vorteile: Orale Einnahme, keine Injektionen nötig, kostengünstig.
Einschränkungen: Nicht alle Patienten sprechen ausreichend an. Gelegentlich Sehstörungen oder Stimmungsschwankungen. Off-Label-Anwendung bei Männern (in der Schweiz für diese Indikation nicht offiziell zugelassen, aber in der urologischen und endokrinologischen Praxis etabliert).
Option 3: TRT + HCG-Kombination
Für Männer, die eine stärkere Testosteronerhöhung benötigen als HCG allein liefern kann, aber die Fruchtbarkeit bewahren wollen, ist die Kombination von TRT und HCG der häufigste Ansatz:
- Testosteron (Gel oder Injektion) sorgt für stabile, symptomfreie Testosteronspiegel
- HCG (subkutan, 500–1'000 IE, 2–3× pro Woche) erhält die Hodenstimulation und damit die Spermatogenese aufrecht
Studienlage: Coviello et al. (2008) zeigten, dass die gleichzeitige Gabe von HCG die durch Testosteron verursachte Suppression der Spermatogenese signifikant abmildern kann. Die Spermienzahl blieb bei der Mehrheit der Patienten im fertilen Bereich.
Vergleichsübersicht
| Therapie | Testosteron-Anstieg | Fruchtbarkeit | Verabreichung | Kosten |
|---|---|---|---|---|
| HCG allein | Moderat | Erhalten/verbessert | Subkutane Injektion 2–3×/Woche | Mittel |
| Clomifen | Moderat | Erhalten/verbessert | Oral, täglich | Niedrig |
| TRT + HCG | Stark | Grossteils erhalten | Gel/Injektion + subkutan | Höher |
| TRT allein | Stark | Supprimiert | Gel/Injektion | Mittel |
Timing und Familienplanung
Wenn der Kinderwunsch jetzt besteht
- Kein Start einer klassischen TRT ohne Fertilitätsschutz
- HCG-Mono oder Clomifen als Erstlinientherapie
- Falls TRT unbedingt nötig: Kombination mit HCG von Beginn an
- Spermiogramm als Baseline vor Therapiestart empfohlen
Wenn der Kinderwunsch in der Zukunft möglich ist
- TRT + HCG-Kombination als Standardansatz
- Regelmässige Spermiogramme (alle 6–12 Monate) zur Überwachung
- Bei konkretem Kinderwunsch: TRT rechtzeitig (mindestens 3–6 Monate vorher) absetzen oder auf HCG/Clomifen umstellen
Wenn der Kinderwunsch abgeschlossen ist
- Klassische TRT ohne Einschränkungen möglich
- HCG optional zur Erhaltung der Hodengrösse
Kryokonservierung: Die Absicherung
Für Männer, die absolut auf Nummer sicher gehen wollen, bietet die Kryokonservierung von Spermien vor Therapiebeginn eine zuverlässige Absicherung. Das Sperma wird in einer Samenbank eingefroren und kann bei Bedarf jederzeit für eine assistierte Reproduktion verwendet werden.
- Kosten in der Schweiz: Ca. CHF 300–500 für die Ersteinlagerung, ca. CHF 200–400/Jahr für die Lagerung
- Haltbarkeit: Praktisch unbegrenzt (Jahrzehnte)
- Empfohlen für: Alle Männer, die vor einer TRT einen Kinderwunsch nicht sicher ausschliessen können
Häufige Fehler und Missverständnisse
„Testosteron ist ein Verhütungsmittel"
Nein. Obwohl TRT die Spermienzahl stark reduzieren kann, ist sie keine zuverlässige Verhütung. Selbst mit stark verminderter Spermienzahl ist eine Befruchtung möglich. Wenn kein Kinderwunsch besteht, muss weiterhin verhütet werden.
„Wenn ich TRT nehme, kann ich nie mehr Kinder bekommen"
Falsch. Wie die Daten zeigen, ist die Suppression reversibel. Und mit den beschriebenen Strategien (HCG, Clomifen, Kombination) kann die Fruchtbarkeit auch unter Behandlung erhalten werden.
„Mein Urologe hat mir von TRT abgeraten, weil ich 35 bin"
Leider ist diese pauschale Empfehlung verbreitet, aber nicht evidenzbasiert. Die Frage ist nicht, ob TRT grundsätzlich vermieden werden sollte, sondern welche Form der Therapie bei einem 35-Jährigen mit Kinderwunsch die richtige ist.
Fazit
TRT und Kinderwunsch schliessen sich nicht gegenseitig aus — sie erfordern nur eine durchdachte Therapieplanung. Mit HCG, Clomifen oder einer Kombinationstherapie stehen erprobte Werkzeuge zur Verfügung, die sowohl den Testosteronmangel behandeln als auch die Fruchtbarkeit schützen. Das Wichtigste: Sprechen Sie das Thema proaktiv mit Ihrem behandelnden Arzt an — idealerweise bevor die Therapie beginnt, nicht erst, wenn der Kinderwunsch aktuell wird.
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