Ist TRT sicher? Was die Wissenschaft wirklich sagt
Herzinfarkt, Prostatakrebs, Unfruchtbarkeit — die Mythen rund um TRT halten sich hartnäckig. Ein evidenzbasierter Faktencheck.
Kaum ein medizinisches Thema ist so von Mythen und Halbwahrheiten umgeben wie die Testosteron-Ersatztherapie (TRT). Patienten hören von Herzinfarkten, Prostatakrebs und dauerhafter Unfruchtbarkeit — und entscheiden sich aus Angst gegen eine Behandlung, die ihre Lebensqualität grundlegend verbessern könnte. Doch was sagt die aktuelle wissenschaftliche Evidenz wirklich? In diesem Artikel trennen wir Fakten von Fiktion und beleuchten den aktuellen Stand der Forschung — transparent, differenziert und ohne Verharmlosung.
Mythos 1: TRT verursacht Herzinfarkte
Wie der Mythos entstand
Im Jahr 2014 veröffentlichte eine viel beachtete Studie in der Zeitschrift PLOS ONE Daten, die einen Zusammenhang zwischen TRT und erhöhtem Herzinfarktrisiko nahelegten. Die Medien griffen die Ergebnisse sofort auf — die Schlagzeilen waren alarmierend. Was in der Berichterstattung unterging: Die Studie hatte erhebliche methodische Mängel. Sie wurde später von der Fachgemeinschaft scharf kritisiert, und die Autoren mussten zwei Korrekturen veröffentlichen.
Was die Wissenschaft heute sagt
Die bisher grösste und aussagekräftigste Studie zu diesem Thema ist der TRAVERSE-Trial (Testosterone Replacement Therapy for Assessment of Long-Term Vascular Events and Efficacy Response in Hypogonadal Men), veröffentlicht 2023 im New England Journal of Medicine:
- 5'246 Teilnehmer im Alter von 45–80 Jahren
- Mittlere Nachbeobachtungszeit von 33 Monaten
- Ergebnis: Kein erhöhtes Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse (Herzinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulärer Tod) unter TRT im Vergleich zu Placebo
Auch eine Meta-Analyse von 35 randomisierten klinischen Studien (Corona et al., 2017) kam zum gleichen Schluss: Testospheron-Ersatztherapie bei Männern mit diagnostiziertem Hypogonadismus erhöht das kardiovaskuläre Risiko nicht.
Wichtig: Diese Daten gelten für Männer mit diagnostiziertem Testosteronmangel, die unter ärztlicher Aufsicht behandelt werden. Selbstmedikation mit Testosteron in supraphysiologischen Dosen ist eine völlig andere Situation.
Mythos 2: TRT verursacht Prostatakrebs
Der historische Hintergrund
Diese Sorge geht auf die Arbeiten von Charles Huggins zurück, der 1941 den Nobelpreis für die Entdeckung erhielt, dass die Kastration (und damit der Testosteronentzug) bei Prostatakrebs-Patienten die Tumorgrösse reduzierte. Seitdem galt — fälschlicherweise — der Umkehrschluss: Wenn weniger Testosteron gut ist, muss mehr Testosteron schlecht sein.
Die Sättigungstheorie
Der Urologe Abraham Morgentaler (Harvard Medical School) formulierte das Sättigungsmodell, das die heutige Sichtweise geprägt hat: Androgenrezeptoren in der Prostata werden bereits bei relativ niedrigen Testosteronspiegeln gesättigt. Eine Erhöhung über diesen Sättigungspunkt hinaus hat keinen zusätzlichen stimulierenden Effekt auf das Prostatagewebe.
Aktuelle Studienlage
| Studie | Teilnehmer | Ergebnis |
|---|---|---|
| TRAVERSE Trial (2023) | 5'246 Männer | Kein erhöhtes Prostatakrebsrisiko unter TRT |
| Meta-Analyse Boyle et al. (2016) | 18 Studien, >5'000 Männer | Kein signifikanter Zusammenhang TRT–Prostatakrebs |
| Pastuszak et al. (2019) | Retrospektiv, 1'000+ Männer | Kein erhöhtes Risiko, auch bei Männern mit erhöhtem Baseline-PSA |
Die aktuelle Position der European Association of Urology (EAU): TRT ist bei Männern ohne aktiven Prostatakrebs nicht kontraindiziert. Auch Männer nach erfolgreich behandeltem Prostatakrebs können unter sorgfältiger Überwachung eine TRT erhalten.
Was wir empfehlen
- PSA-Bestimmung vor Therapiebeginn und danach regelmässig (alle 3–6 Monate im ersten Jahr)
- Rektale Untersuchung als Baseline
- Bei rasch steigendem PSA: urologische Abklärung
Mythos 3: TRT macht dauerhaft unfruchtbar
Was tatsächlich passiert
Exogen zugeführtes Testosteron unterdrückt über den Feedback-Mechanismus der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse die körpereigene Produktion von LH und FSH. Da FSH für die Spermatogenese (Spermienproduktion) essenziell ist, kann eine TRT die Spermienzahl vorübergehend stark reduzieren — bis hin zur Azoospermie (keine Spermien im Ejakulat).
Ist der Effekt reversibel?
In den allermeisten Fällen: Ja. Eine Studie von Liu et al. (2006), veröffentlicht in The Lancet, untersuchte die Erholung der Spermatogenese nach Absetzen von exogenem Testosteron:
- 67 % der Männer erreichten innerhalb von 6 Monaten wieder eine normale Spermienzahl
- 90 % der Männer innerhalb von 12 Monaten
- 100 % innerhalb von 24 Monaten
Optionen für Männer mit Kinderwunsch
Männer, die einen Kinderwunsch haben oder diesen nicht ausschliessen können, müssen nicht auf eine Behandlung verzichten. Es gibt bewährte Alternativen:
- HCG (Humanes Choriongonadotropin): Ahmt die Wirkung von LH nach, stimuliert die Testosteronproduktion in den Hoden direkt und erhält die Spermatogenese
- Clomifen: Ein selektiver Östrogenrezeptor-Modulator (SERM), der die LH- und FSH-Ausschüttung steigert
- Kombination TRT + HCG: Testosterontherapie mit gleichzeitiger HCG-Gabe, um die Hodenfunktion aufrechtzuerhalten
Tatsächliche Nebenwirkungen — und wie sie überwacht werden
TRT ist kein risikofreies Medikament — kein Medikament ist das. Aber die bekannten Nebenwirkungen sind gut verstanden, überwachbar und in den allermeisten Fällen beherrschbar.
Polyglobulie (erhöhter Hämatokrit)
Was passiert: Testosteron stimuliert die Erythropoese (Bildung roter Blutkörperchen). Bei manchen Patienten kann der Hämatokrit — der Anteil roter Blutkörperchen am Blutvolumen — über den Normalbereich ansteigen. Dies erhöht theoretisch das Risiko für thromboembolische Ereignisse.
Häufigkeit: Ca. 5–20 % der Patienten, abhängig von Verabreichungsform und Dosis.
Monitoring: Regelmässige Blutbildkontrolle. Bei Hämatokrit über 54 %: Dosisanpassung oder therapeutische Blutspende (Aderlass).
Östrogen-Konversion
Was passiert: Testosteron kann durch das Enzym Aromatase in Östradiol (Östrogen) umgewandelt werden. Ein Ungleichgewicht kann zu Gynäkomastie (Brustdrüsenschwellung), Wassereinlagerung oder Stimmungsschwankungen führen.
Monitoring: Estradiol-Kontrolle im Blut. Bei erhöhten Werten kann ein Aromatase-Inhibitor (z.B. Anastrozol) in niedriger Dosis eingesetzt werden.
Hautnebenwirkungen
Was passiert: Testosteron stimuliert die Talgproduktion. Manche Patienten berichten über fettige Haut oder leichte Akne, insbesondere in den ersten Wochen der Behandlung.
Management: In der Regel mild und selbstlimitierend. Topische Hautpflege reicht meist aus.
Schlafapnoe
Was passiert: Es gibt Hinweise, dass TRT eine bestehende obstruktive Schlafapnoe verschlechtern kann. Bei Patienten ohne Vorgeschichte scheint kein erhöhtes Risiko zu bestehen.
Empfehlung: Bei bekannter Schlafapnoe oder typischen Symptomen (Schnarchen, Tagesmüdigkeit trotz ausreichend Schlaf) sollte vor Therapiebeginn eine schlafmedizinische Abklärung erfolgen.
Die Bedeutung der ärztlichen Begleitung
All diese Punkte unterstreichen eine zentrale Botschaft: TRT ist sicher, wenn sie korrekt durchgeführt wird. „Korrekt" bedeutet:
- Saubere Diagnostik — Zwei Laborbestimmungen an verschiedenen Tagen, morgens nüchtern, plus klinische Symptome
- Individuelle Dosierung — Ziel ist der physiologische Normalbereich, nicht das Maximum
- Regelmässiges Monitoring — Blutwerte alle 3–6 Monate im ersten Jahr, danach alle 6–12 Monate
- Anpassung der Therapie — Dosis, Verabreichungsform und Begleitmedikation werden bei Bedarf justiert
- Offene Kommunikation — Patienten müssen über Nebenwirkungen, Erwartungen und Alternativen aufgeklärt werden
Was TRT nicht ist
Es ist wichtig, klar zwischen medizinischer TRT und dem Missbrauch von Anabolika zu unterscheiden:
| Medizinische TRT | Anabolika-Missbrauch | |
|---|---|---|
| Ziel | Physiologischer Normalbereich | Supraphysiologische Werte |
| Dosis | 50–100 mg/Woche (typisch) | 500–2000+ mg/Woche |
| Überwachung | Regelmässige Blutkontrollen | Keine oder Selbstmonitoring |
| Substanzen | Reines Testosteron | Oft Cocktails verschiedener Steroide |
| Verschreibung | Ärztlich, nach Diagnostik | Illegaler Bezug |
| Risikoprofil | Gut verstanden, kontrollierbar | Erhebliche Gesundheitsrisiken |
Fazit
Die wissenschaftliche Evidenz der letzten zwei Jahrzehnte zeichnet ein klares Bild: Testosteron-Ersatztherapie ist bei korrekt diagnostiziertem Hypogonadismus und unter ärztlicher Aufsicht eine sichere und effektive Behandlungsoption. Die alten Mythen von Herzinfarkten und Prostatakrebs sind durch grosse, qualitativ hochwertige Studien widerlegt.
Das bedeutet nicht, dass TRT risikofrei ist — kein Medikament ist das. Aber die bekannten Nebenwirkungen sind gut verstanden, überwachbar und behandelbar. Die Entscheidung für oder gegen eine TRT sollte auf Fakten basieren, nicht auf veralteten Ängsten.
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